Europäische Zusammenarbeit als Erfolgsfaktor
Wie wichtig wird die europäische Zusammenarbeit in Forschung und Technologie angesichts geopolitischer Spannungen und Lieferkettenrisiken?
Europäische Zusammenarbeit wird wichtiger, weil viele industrielle Wertschöpfungsketten verletzlicher geworden sind, als man lange gedacht hat.
In der Blechverarbeitung sieht man das sehr konkret: Werkstoffe, Maschinen, Werkzeuge, Software, Fügetechnik, Prüfung und Anwenderindustrien hängen eng zusammen. Wenn an einer Stelle etwas ausfällt, merkt man schnell, dass technologische Stärke nicht nur aus einer guten Einzelkompetenz besteht, sondern aus einem belastbaren Gesamtsystem.
Für mich heißt europäische Zusammenarbeit deshalb nicht: alles gemeinsam machen oder sich abschotten. Es heißt: kritisches Wissen in Europa halten, Standards gemeinsam weiterentwickeln, Forschung besser vernetzen und Abhängigkeiten bewusster bewerten. Gerade bei Themen wie Materialeffizienz, Kreislaufwirtschaft, Prozessdaten, Fügetechnik oder Qualitätssicherung ist es sinnvoll, Grundlagen vorwettbewerblich gemeinsam zu erarbeiten.
Das ist auch für KMU wichtig. Viele mittelständische Unternehmen können geopolitische Risiken oder neue technologische Anforderungen nicht allein abfedern.
Wie die nächste Generation Industrie gestaltet
Welche Fähigkeiten müssen junge Ingenieurinnen und Ingenieure heute mitbringen, um in der Industrie wirklich relevant zu sein?
Fachliche Tiefe bleibt wichtig. Wer industrielle Prozesse verbessern will, muss Werkstoffe, Maschinen, Prozesse, Messdaten und Qualitätsanforderungen verstehen. Gleichzeitig reicht reine Spezialkenntnis immer seltener aus.
Junge Ingenieurinnen und Ingenieure müssen Zusammenhänge erkennen, methodisch sauber arbeiten, mit Daten umgehen können und über Disziplingrenzen hinweg denken.
Genauso wichtig sind Persönlichkeit, Empathie und die Fähigkeit, kritisch zu prüfen, was wirklich trägt. Nicht jede neue Methode ist automatisch eine Lösung, und nicht jede gute Simulation erklärt schon den realen Prozess.
Besonders wichtig finde ich die Fähigkeit, zwischen Theorie und Anwendung zu übersetzen.
Eine gute Idee ist erst dann stark, wenn sie unter realen Bedingungen funktioniert. Und wer erklären kann, warum ein Ergebnis für Produktion, Qualität oder Wirtschaftlichkeit relevant ist, wird in Unternehmen sehr gebraucht.
Was können traditionelle Industrieunternehmen von Start-ups lernen – und umgekehrt?
Industrieunternehmen können von Start-ups Geschwindigkeit, Fokussierung und den Mut lernen, früh mit Prototypen und konkreten Anwendungsfällen zu arbeiten.
Start-ups fragen oft sehr schnell: Welches Problem lösen wir, für wen, und wie testen wir das möglichst rasch?
Umgekehrt können Start-ups von etablierten Industrieunternehmen lernen, was industrielle Robustheit wirklich bedeutet. In der Produktion reicht eine gute Idee allein nicht aus. Eine Lösung muss sicher, wiederholbar, wartbar, wirtschaftlich und in bestehende Prozesse integrierbar sein.
Wenn Start-ups und Industrieunternehmen einander ernst nehmen, entsteht eine starke Kombination aus Tempo, Substanz und Entscheidungsfreude.
Welche Trends die Industrie nicht ignorieren sollte
Gibt es technologische Trends, bei denen du sagen würdest: „Wer das heute ignoriert, wird in zehn Jahren Probleme bekommen“?
Ja. Wer Datenfähigkeit, Ressourceneffizienz, Kreislauffähigkeit und transparente Prozessketten heute ignoriert, wird in zehn Jahren erhebliche Probleme bekommen.
Diese Themen sind keine Zusatzdisziplinen mehr, sondern werden Teil der industriellen Grundfähigkeit.
Unternehmen müssen ihre Prozesse verstehen, Daten nutzbar machen, Qualität systematisch absichern und Material- sowie Energieeinsatz stärker mitdenken. Dazu kommt die Frage, wie Produkte repariert, getrennt, wiederverwendet oder recycelt werden können.
Wichtig ist: Innovationsfähigkeit und verlässliche Netzwerke entstehen nicht erst dann, wenn der Druck schon da ist. Man muss sie vorher aufbauen, damit sie tragen, wenn es darauf ankommt. Wer diese Themen erst ernst nimmt, wenn Regulierung oder Kunden es erzwingen, verliert wertvolle Zeit.
Standards und gemeinsame Technologien spielen für die Industrie enorme Rollen. Warum unterschätzen viele Unternehmen den strategischen Wert von Kooperationen?
Weil Kooperation manchmal noch mit Kontrollverlust verwechselt wird. In der vorwettbewerblichen Zusammenarbeit geht es aber nicht darum, eigenes Know-how preiszugeben. Es geht darum, gemeinsame Grundlagen zu schaffen, von denen viele profitieren: Prüfmethoden, Bewertungsgrundlagen, Forschungswissen, Technische Merkblätter und belastbare Orientierung.
Gerade bei komplexen Themen kann kein Unternehmen alles allein lösen. Ein gutes Merkblatt oder ein gemeinsam diskutiertes Forschungsergebnis kann sehr praktisch sein: Es verkürzt Diskussionen, schafft Vergleichbarkeit und hilft, Entscheidungen technisch sauber zu begründen.
Prioritäten für die Forschung von morgen
Wenn du morgen ein großes Forschungsbudget frei investieren könntest: In welches Zukunftsthema der Blechverarbeitung würdest du sofort investieren?
Ich würde in robuste, datenbasierte und kreislauffähige Prozessketten der Blechverarbeitung investieren.
Das klingt breit, aber genau dort laufen die entscheidenden Fragen zusammen: Material, Werkzeug, Maschine, Prozessdaten, Qualitätssicherung, Energieeinsatz, Fügetechnik und Recyclinganforderungen.
Mein Ziel wäre nicht ein einzelnes Leuchtturmprojekt, das gut klingt, aber schwer übertragbar bleibt. Ich würde einen Rahmen schaffen wollen, der Unternehmen schneller zu belastbaren Produktionsentscheidungen bringt: weniger Versuch und Irrtum, bessere Simulation, bessere Datenbasis, geringerer Ausschuss und klarere Wege in nachhaltige Anwendungen.
Wenn wir die Expertise unserer Forschungseinrichtungen mit den Herausforderungen unserer Mitgliedsunternehmen und einem starken Forschungsbudget in größerem Maßstab zusammenbringen könnten, ließe sich enorm viel bewegen. Davon bin ich überzeugt.
Zuversicht trotz großer Herausforderungen
Zum Abschluss: Was macht dir persönlich Hoffnung für die Zukunft des Industriestandorts Deutschland?
Mir macht Hoffnung, dass in vielen Unternehmen und Forschungseinrichtungen unglaublich viel technische Substanz vorhanden ist. Wir haben Menschen, die Prozesse tief verstehen, Qualität ernst nehmen und bereit sind, an schwierigen Problemen zu arbeiten. Diese Stärke wird in der öffentlichen Debatte manchmal unterschätzt.
Hoffnung macht mir auch, dass der Veränderungsdruck inzwischen sehr konkret ist. Energie, Kosten, Fachkräfte, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und globale Konkurrenz lassen sich nicht mehr vertagen. Das ist anstrengend, aber es kann auch Kräfte bündeln. Wenn wir schneller ins Handeln kommen und Wissen besser in Anwendung bringen, hat der Standort weiterhin sehr viel Potenzial.
Vielen Dank für den Austausch, Daniel!
Der Stahlblogger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Stahl-, Werkstoff- und Metallbranche. Hauptberuflich arbeitet er als Key-Account-Manager bei Thyssenkrupp Materials Austria und begleitet Unternehmen aus der Industrie im Bereich Stahl und Werkstoffe. Auf LinkedIn zählt der #ManwithSteel zu den reichweitenstärksten Stimmen der deutschsprachigen Stahlbranche und wurde mehrfach für seine Aktivitäten als Corporate Influencer ausgezeichnet. Für Stahlbase veröffentlicht er Stahlblogger regelmäßig Kolumnen – und auch mal Interviews wie dieses hier.
Foto: EFB – Europäische Forschungsgesellschaft für Blechverarbeitung