Die Blechverarbeitung braucht bessere Übersetzer

Daniel Rosenbusch (EFB) spricht über die Blechverarbeitung
Im Gespräch mit dem Stahlblogger spricht Daniel Rosenbusch, Geschäftsführer der EFB, über die Zukunft der Blechverarbeitung, den Transfer von Forschung in die industrielle Praxis, Künstliche Intelligenz, Werkstoffe, Fachkräfte und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland.

Blechverarbeitung zwischen Effizienz, Daten und neuen Werkstoffen

Viele mittelständische Unternehmen kämpfen mit hohen Energie- und Produktionskosten. Welche technologischen Hebel siehst du für echte Wettbewerbsfähigkeit in Europa?

Gute Ingenieurarbeit und ein hoher Qualitätsanspruch sind eine starke Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit in Europa. Zum Marktvorteil werden sie aber erst, wenn daraus schnellere, stabilere und wirtschaftlichere Prozesse entstehen. Sonst bleibt Qualität ein Anspruch, aber noch kein belastbares Marktargument.

Für die Blechverarbeitung liegen die Hebel sehr konkret in der Produktion und in der gemeinsamen Innovationsarbeit.

Der europäische Weg kann aus meiner Sicht nur sein, technische Tiefe konsequent in Effizienz zu übersetzen. Nicht: teurer, aber besser. Sondern: belastbarer entwickeln, ressourcenschonender fertigen, schneller zur stabilen Serie kommen. Dafür braucht es Forschung, die nah an realen Prozessketten arbeitet, und Transferformate, die Unternehmen helfen, die richtigen Hebel für ihren Betrieb zu priorisieren.

Deutschland war lange Technologieführer im Maschinenbau. Wo siehst du aktuell Aufholbedarf gegenüber Asien oder den USA?

Deutschland hat im Maschinenbau und in der Produktionstechnik weiterhin enorme Stärken: technisches Verständnis, Qualitätsanspruch, spezialisierte Unternehmen und gewachsene Wertschöpfungsketten. Ich würde das nicht kleinreden. Aber wir müssen ehrlicher darüber sprechen, wo andere schneller, konsequenter oder auch mutiger sind.

In Teilen Asiens werden neue Technologien sehr konsequent industrialisiert. In den USA sehen wir viel Dynamik bei Software, Datenmodellen und Plattformlogiken.

Deutschland muss seine ingenieurtechnische Tiefe stärker mit Tempo, Datenkompetenz und unternehmerischer Umsetzung verbinden. Wir dürfen Gründlichkeit nicht mit Langsamkeit verwechseln. Und Unternehmen brauchen dafür stabile, verlässliche Rahmenbedingungen.

Welche Rolle spielt die Werkstoffentwicklung künftig für Themen wie Leichtbau, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz?

Werkstoffentwicklung bleibt ein Schlüsselthema. Aber ein neuer Werkstoff ist industriell erst dann stark, wenn er nicht nur gute Kennwerte hat, sondern auch umformbar, fügbar, prüfbar, reparierbar, wirtschaftlich verarbeitbar und möglichst gut in Kreislaufkonzepte integrierbar ist.

Für Leichtbau und Nachhaltigkeit reicht die Frage „Welches Material ist leichter?“ also nicht mehr aus. Wir müssen weiterfragen: Wie verhält es sich im Werkzeug? Wie wird es verbunden? Wie sicher ist die Verbindung über die Lebensdauer? Kann das Bauteil repariert oder getrennt werden? Genau diese Prozesssicht entscheidet darüber, ob aus einem guten Werkstoff auch eine gute industrielle Lösung wird.

Forschung, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit

Forschung braucht Geschwindigkeit. Wie schafft man es, dass industrielle Forschungsprojekte nicht an Bürokratie oder Förderlogik ausgebremst werden?

Man muss ehrlich sagen: Bürokratie ist für industrielle Forschung ein reales Thema. Anträge, Nachweise, Fristen und Förderbedingungen kosten Zeit. Unser Antragswesen entspricht nicht mehr dem Tempo, was wir für die Zukunft brauchen.

Gleichzeitig hilft es nicht, nur auf Formulare zu zeigen. Geschwindigkeit entsteht auch dadurch, dass Forschung und Industrie früher und klarer miteinander sprechen und auch Politik dies fördert und mitträgt.

Aus meiner Sicht braucht Forschung deshalb beides: weniger unnötige Bürokratie und bessere Kommunikation zwischen Forschung und Industrie. Die EFB arbeitet genau an dieser Stelle, weil wir die Sprache beider Seiten kennen: die Anforderungen der Unternehmen und die Logik von Forschung und Förderung.

Wenn diese Übersetzung früh gelingt, kommt ein Projekt deutlich schneller in die Spur. Dann fehlt nur noch der Wille der Politik Rahmenbedingungen zu schaffen, die uns ein verlässliches Fundament bietet und Tempo nicht wieder rausnimmt.

Was war in deiner bisherigen Laufbahn ein Forschungsprojekt oder eine technologische Entwicklung, bei der du dachtest: „Das verändert die Branche wirklich“?

Ich würde weniger ein einzelnes Projekt herausgreifen als eine Entwicklung, die mich fachlich sehr beschäftigt: der Wechsel vom Blick auf Einzeltechnologien hin zum Blick auf ganze Prozessketten.

In der Blechverarbeitung sieht man das besonders gut bei der Verbindung von Werkstoff, Umformung, Fügen, Simulation und Qualitätssicherung.

Früher wurden diese Bereiche häufiger getrennt betrachtet. Heute wird immer klarer: Wer die gesamte Prozesskette versteht, kann schneller entwickeln, sicherer produzieren und Ressourcen besser nutzen.

Ein gutes Beispiel ist die moderne mechanische Fügetechnik im Multimaterialbau. Sie ist längst nicht mehr nur eine Frage des Verbindungspunktes. Es geht um Leichtbau, Crashverhalten, Korrosionsschutz, elektrische Funktionen, Prüfung, Simulation und Serienfähigkeit. Solche Entwicklungen verändern die Branche, weil sie zeigen: Fortschritt entsteht nicht in Insellösungen, sondern im Zusammenspiel.

Die Industrie spricht ständig über Nachhaltigkeit. Welche Innovationen in der Blechverarbeitung haben tatsächlich messbaren ökologischen Impact?

Messbarer ökologischer Impact entsteht dort, wo weniger Material, weniger Energie, weniger Ausschuss oder längere Nutzungsdauer erreicht werden. Das klingt unspektakulär, ist aber in der Produktion sehr wirksam.

In der Blechverarbeitung heißt das zum Beispiel: materialeffizientere Umformprozesse, bessere Prozessüberwachung, geringere Ausschussquoten, robuste Leichtbaukonzepte und Konstruktionen, die Reparatur, Demontage oder Recycling mitdenken. Mir ist wichtig, Nachhaltigkeit nicht nur als Etikett zu verwenden.

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