Der Endkunde: Nachfrage als fehlendes Bindeglied
Die Transformation der Stahlindustrie endet nicht im Werk, sondern beim Käufer. CO₂-reduzierte Stähle und im weiterer Folge „Green Steel“ kann nur dann im Markt bestehen, wenn auch die Endkunden – ob Automobilkonzerne, Maschinenbauer oder Verbraucher – bereit sind, CO₂-reduzierte Produkte nachzufragen.
Viele Unternehmen haben mittlerweile Klimastrategien, doch die Zahlungsbereitschaft entlang der Wertschöpfungskette ist noch uneinheitlich. Während Premiummarken die Mehrkosten eher akzeptieren, stehen Massenmärkte stärker unter Preisdruck. Für private Endkunden wiederum sind CO₂-reduzierte Werkstoffe meist unsichtbar.
Die entscheidende Frage lautet daher:
Wie entsteht ein Markt, der CO₂-reduzierte Produktion nicht nur politisch fordert, sondern wirtschaftlich trägt?
„Deutschland steht an einer Weggabelung“
Es gibt Tage, an denen die deutsche Stahlindustrie nicht wie ein Industriezweig wirkt, sondern wie ein Seismograph für den Zustand des Landes. Der Stahlgipfel im Kanzleramt war genau so ein Tag.
Drei Forderungen lagen auf dem Tisch – und jede davon entscheidet darüber, ob Deutschland Stahlland bleibt oder sich selbst deindustrialisiert.
Handelsschutz: Ohne Zölle wird Green Steel zur Fußnote
Beginnen wir mit der unangenehmen Wahrheit: China könnte mit seinen Überkapazitäten mehrfach die gesamte EU-Stahlproduktion überrollen. Nicht, weil China besser wäre.
Sondern billiger. Subventioniert. CO₂-intensiv.
Sollte Europa künftig auf Zölle oder Quoten verzichten, würden die Hochöfen zu reinen Industriedenkmälern werden. Die Produktion von „Green Steel“, die Politik und Wirtschaft für die Zukunft vorsehen, wäre dann wirtschaftlich nicht darstellbar. Handelsschutz wäre in diesem Szenario keine protektionistische Maßnahme, sondern eine Voraussetzung für das Überleben der Industrie.
Local Content
Deutsches Geld sollte nicht auf chinesische Hochöfen einzahlen. Das Land steht schließlich vor einer Investitionswelle – mit Brücken, Bahntrassen, Energieanlagen.
Doch eine Frage brennt: Wer liefert den Stahl?
Local Content bedeutet: Wenn der Staat investiert, soll auch heimische Wertschöpfung entstehen.
Der Preisaufschlag?
- 50 Euro pro Auto.
- 1 Euro pro Waschmaschine.
Es ist erstaunlich, wie laut eine Debatte werden kann, sobald sie 50 Euro kostet – und wie leise, wenn sie 80.000 Arbeitsplätze sichern würde.
Energiepreise: Der Elefant im Stahlwerk
Grüner Stahl hört sich politisch hervorragend an.
In der Produktion klingt er eher nach: „Wie sollen wir das bezahlen?“
Denn Deutschland hat eines der teuersten Industriestromniveaus weltweit.
Green Steel mag ein europäisches Ziel sein – produziert wird er aber auf nationalen Stromrechnungen.
Ohne bezahlbaren Strom bleibt grüner Stahl ein Konzept. Mit ihm wird er ein Standortversprechen.
Wie viel Green Steel steckt heute in Europa?
Die Branche schmückt sich gerne mit Siegeln.
Doch hinter den Logos steht eine Zahl, die niemand gerne ausspricht:
2025 werden nur 12 % der europäischen Stahlproduktion CO₂-reduziert gewesen sein.
Das Ziel bis 2030? 30 %. Es klingt erreichbar.
Bis man fragt: Mit welcher Energie? Mit welchem Geld? Und in welchem politischen Tempo?
Ein Stahlwerk lässt sich nicht in Legislaturperioden umbauen.
Der Werkalltag: Fortschritt mit Preisschild
In einem meiner Projekte sank der CO₂-Ausstoß eines Produktionsbereichs um 28 %. Gleichzeitig stiegen die Energiekosten um 19 %.
Das ist die Realität, die selten in politische Reden passt: Green Steel ist kein moralisches Konzept, sondern eine Kostenstruktur.
Der Begriff ist schnell gesetzt. Das Produkt ist schwer erzeugt. Und aktuell noch schwerer verkauft.
Stahl als Heimat: Was im Ruhrgebiet wirklich zählt
In Duisburg stehen nicht nur Hochöfen. Dort stehen Lebenswege. Großvater, Vater, Sohn – 50 Jahre Stahl in einer Familie.
Für sie ist Stahl kein Werkstoff, sondern Herkunft, Stolz, Identität.
Wenn in Berlin über Strompreise oder Zölle gesprochen wird, dann geht es im Ruhrgebiet um etwas viel Größeres: Bleibt die Heimat, die Generationen aufgebaut haben, eine industrielle Zukunft – oder wird sie zum Museum einer verpassten Politik?
Ihr Blick nach vorne:
Was muss passieren, damit Green Steel vom politischen Schlagwort zum industriellen Standard wird?
Ich freue mich auf Ihre Perspektiven.
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