Oliver Sonst, CEO, Stahlo Stahlservice GmbH & Co. KG
Welche Entwicklung bzw. welcher Trend wird den Stahlhandel im Jahr 2026 besonders prägen – und warum?
Für 2026 sehe ich als besonders prägend, dass der Stahlhandel/-service endlich wieder Planungssicherheit durch klare Parameter und verbindliche Einführungstermine der Außenhandelsschutzmaßnahmen sowie CO2-Bepreisung in Europa erhält. Die aktuelle Situation ist für alle Marktteilnehmer unhaltbar.
In Europa wirkt die reduzierte Zuteilung von Freizertifikaten sowie der schwankende ETS-Preis als Unsicherheitsfaktor. Gleichzeitig erleben wir einen anhaltenden Margendruck bei den europäischen Produzenten und einen schwach verharrenden Markt, der stabile, aber geringe Bedarfe suggeriert. Ohne grundlegende Planbarkeit bei der internationalen Beschaffung sind wir gezwungen, auf Basis von Annahmen zu agieren – in einem Ausmaß, das unseren wirtschaftlichen Erfolg gefährden könnte. Wir sehen schwebende Antidumpingmaßnahmen sowie eine Safeguard-Anschlussregelung mit unklarem Zeitplan und pauschalen Ansätzen. Hinzu kommen offene Fragen bei der Einführung des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) ohne definierte Referenzwerte und mit unvorhersehbaren ETS-Preisen. Das sind einfach zu viele Unbekannte für eine solide Geschäftsplanung.
Was wir daher dringend brauchen, sind Planbarkeit sowie Augenmaß und Gradlinigkeit bei denjenigen, die die Regeln beeinflussen und entscheiden. Der Stahlhandel ist eine hoch relevante Säule der industriellen Wertschöpfungskette und muss diese Aufgabe weiterhin erfüllen können.
Welche Wünsche oder Erwartungen haben Sie für das Jahr 2026 – gegenüber dem Markt, den Kunden oder der Politik –, damit der Stahlhandel seine Chancen bestmöglich nutzen kann?
Für 2026 wünsche ich mir vor allem, dass regulatorische Entscheidungen erst nach gründlicher Diskussion und Abwägung getroffen und dann mit ausreichender Umsetzungszeit – mindestens sechs Monate vor Inkrafttreten – kommuniziert werden. Nachträgliche Belastungen können vielen Marktteilnehmern buchstäblich ‚den Kopf kosten‘. Auch überzogene Preisforderungen in Europa erhöhen das Risiko für die Stahldistributoren und Servicepartner weiter. Die gesamte Lieferkette könnte durch unkluge Maßnahmen in ihrer Wettbewerbsfähigkeit deutlich benachteiligt werden.
Besonders wichtig ist mir: Bei Schutzmaßnahmen muss die gesamte Lieferkette mit wesentlichen Stahlbestandteilen geschützt und abgesichert werden. Es reicht nicht, nur die Primärproduzenten zu schützen, während der Handel und die weiterverarbeitende Industrie im internationalen Wettbewerb benachteiligt werden. Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz, der die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt und die europäische Stahlindustrie als Ganzes stärkt. Nur so können wir die Herausforderungen der kommenden Jahre erfolgreich meistern und unsere Position im globalen Wettbewerb behaupten. Auch die Industrie und Stahlservice-Center können und müssen einen Beitrag leisten. Wir investieren beispielsweise in Digitalisierung und Technologie, arbeiten uns wesentlich tiefer in die Prozesse der Hersteller und Abnehmer ein und bauen höhere Materialkompetenz auf, um in dieser schwierigen Zeit belastbare Prozesse sicherzustellen.
Fotos: mlangsen – stock.adobe.com (Aufmacher, generiert mit KI), Stahlo Stahlservice GmbH & Co. KG (Porträt)