Gewähren Einblicke: Peter Jüngst und Jürgen Laukandt, ESH Euro-Stahl Handel

Peter Jüngst (r.) und Jürgen Laukandt (l.) bilden das Geschäftsführer-Duo der ESH Euro-Stahl Handel GmbH & Co. KG. In der Mitte steht ein Journalist.
Die ESH Euro-Stahl Handel GmbH & Co. KG, ein Unternehmen der E/D/E Gruppe, versteht sich als zentrale Plattform und Partnergemeinschaft für den mittelständischen Stahlhandel. Im Gespräch mit der Stahlmarkt-Redaktion geben die ESH-Geschäftsführer Peter Jüngst und Jürgen Laukandt unter anderem Einblicke in Teamstruktur, Umsatzentwicklung, strategische Initiativen wie SteelPower, SteelFocus und SteelMinds sowie die nächsten Schritte in Richtung Internationalisierung und Digitalisierung. Dabei wird deutlich: Nähe zum Markt, partnerschaftliche Zusammenarbeit und konsequente Weiterentwicklung prägen die in Wuppertal ansässige ESH ebenso wie ein realistischer Blick auf die Herausforderungen der Branche.

„Grüner Stahl braucht politische Unterstützung“

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der Stahlindustrie ein – auch im Hinblick auf das Thema „grüner Stahl“ und Nachhaltigkeit? Welche Auswirkungen hat das auf Sie und Ihre Mitglieder?

Jürgen Laukandt: Grüner Stahl wird an Bedeutung gewinnen, aber aktuell fehlt noch die Nachfrage, weil er schlicht teurer ist. Das ist ein zentrales Problem im Stahlhandel: Was mehr kostet, will der Kunde oft nicht. Deshalb braucht es politische Unterstützung – etwa durch öffentliche Ausschreibungen auf kommunaler oder Bundesebene, in denen grüner Stahl gezielt verlangt wird. Das würde den Einsatz deutlich erleichtern.

Man hört in der Branche auch die These, dass sich Europa entscheiden muss, ob es ein stahlerzeugender oder ein stahlverarbeitender Kontinent sein will. Wie sehen Sie das, auch im Hinblick auf Ihr Geschäft, wenn die Produktionsbasis in Europa weiter schrumpft?

Peter Jüngst: Solange Politiker öffentlich sagen, Deutschland müsse keinen Stahl mehr produzieren, zeigt das, wie wenig Verständnis teilweise für die Industrie herrscht. Die Stahlhersteller haben es schwer – wegen hoher Energiekosten, hoher Löhne und weiterer Belastungen wie steigende Sozialabgaben, die öffentlich kaum diskutiert werden. Das alles macht Deutschland als Produktionsstandort unattraktiver. Viele Hersteller reagieren bereits mit Optimierungen innerhalb ihrer europäischen Verbünde. Wenn sich nichts grundlegend ändert, wird es hierzulande immer schwieriger, wettbewerbsfähig zu produzieren.

Planen Sie bereits strategisch für den Fall, dass in Deutschland kaum noch produziert wird?

Peter Jüngst: Einen kompletten Verzicht sehe ich nicht. Auch aus Nachhaltigkeitsperspektive spielen Transportwege eine große Rolle. Stahl quer durch Europa zu fahren, ist weder wirtschaftlich noch ökologisch sinnvoll. Die Produkte sind zu transportintensiv. Und nicht jeder Händler liegt an einem Hafen. Wenn Transporte per Bahn funktionieren – gut, aber selbst das klappt nicht überall. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Die Werke müssen Wege finden, ihre Produktion unter den schwierigen Rahmenbedingungen zu optimieren.

Jürgen Laukandt: Ich frage mich auch, wie der deutsche Stahlmarkt in 20 Jahren aussieht. Was Peter Jüngst gesagt hat, trifft den Kern: Solange man Stahl aus Italien bezieht, ist das noch vertretbar – auch im Sinne der Nachhaltigkeit. Aber wenn wir eines Tages nur noch asiatischen Stahl beziehen, will ich mir die Auswirkungen gar nicht ausmalen. Nachhaltig wäre das sicher nicht.

„Bei ESH ist das Thema Europa unser nächster großer Schritt“

Wie sieht es bei Ihnen mit dem Europageschäft aus?

Peter Jüngst: Das E/D/E kennt sich in Europa hervorragend aus – wir sind in 29 Ländern aktiv und setzen dort rund 1,8 Milliarden Euro um, allerdings über alle Warengruppen hinweg. Bei ESH ist das Thema Europa unser nächster großer Schritt – wir haben dieses Jahr weitere Mitglieder im Ausland gewonnen. Auch unsere bestehenden Lieferpartner haben signalisiert, dass sie uns bei der Expansion unterstützen wollen. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit ihnen länderspezifische, marktorientierte Lösungen zu entwickeln.

Jürgen Laukandt: Sehr aktiv sind wir derzeit in Österreich und der Schweiz – dort konnten wir in letzter Zeit spürbare Erfolge erzielen, auch mit Unterstützung von Herstellern. Erste Akzente setzen wir inzwischen auch in Frankreich, wobei der Marktzugang dort deutlich schwieriger ist. Perspektivisch wollen wir auch in den Benelux-Staaten aktiver werden. Darüber hinaus verfügen wir über Muttersprachler aus vielen Ländern – etwa Slowenien –, sind dort aber noch nicht operativ tätig.

Bedeutet der Schritt ins europäische Ausland, dass Sie in Deutschland keine Wachstumsmöglichkeiten mehr sehen?

Peter Jüngst: Wachstum ist die Grundlage jedes wirtschaftlichen Konzepts – ohne geht es nicht. Deutschland bietet dafür weiterhin Potenzial. Es gibt hierzulande weiterhin viele mittelständische Unternehmen, die entweder verbandslos oder anders organisiert sind – und mit denen wir uns gut eine dauerhafte Zusammenarbeit vorstellen können. Das ist Teil unserer täglichen Arbeit: Immer wieder neue Kontakte knüpfen, denn altersbedingt scheiden auch Kunden aus, sei es durch Geschäftsaufgabe oder wegen fehlender Nachfolge. Aber: Wir ködern niemanden, die Überzeugung muss von innen kommen. Wenn das gegeben ist, funktioniert die Zusammenarbeit von Anfang an gut. Und wie man so schön sagt: Versprich wenig, halte viel – das ist ein Prinzip, mit dem wir gut fahren.

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