Die europäische Stahlindustrie steht unter wachsendem Druck. Auf der Handelsblatt-Jahrestagung „Zukunft Stahl 2026“ dominierten weniger technologische Fragen als die Sorge um Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise und industrielle Souveränität. Zwar stellt die Branche die Transformation zur Klimaneutralität nicht grundsätzlich infrage, doch immer stärker rücken die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Mittelpunkt.
Bereits der Veranstaltungsort spiegelte die Stimmung vieler Diskussionen wider: Die Zeche Zollverein in Essen – einst Symbol deutscher Schwerindustrie – dient heute als Museum und Eventlocation. „Das ist, als würde man Geburtstag auf dem Friedhof feiern“, bemerkte ein Teilnehmer. Der Satz zog sich sinnbildlich durch zahlreiche Panels. Mehrfach wurde betont, dass Europa Gefahr laufe, industrielle Kernkompetenzen zu verlieren, wenn Dekarbonisierung nicht mit Wettbewerbsfähigkeit zusammen gedacht werde.
Wettbewerbsfähigkeit wird zur Schlüsselfrage
„Wer Klimaneutralität und Resilienz will, braucht eine starke europäische Stahlindustrie“, sagte Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Die politische Debatte habe sich dabei spürbar verschoben: Neben Klimazielen rückten Versorgungssicherheit, Verteidigungsfähigkeit und geopolitische Resilienz stärker in den Vordergrund.
Ein zentrales Thema der Konferenz waren die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Dr. Beate Baron, Abteilungsleiterin Industriepolitik im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, formulierte zwei Kernbotschaften: „Industry matters“ und „Rahmenbedingungen first“. Ähnliche Forderungen zogen sich durch viele Diskussionen. Die Branche verlangt vor allem wettbewerbsfähige Energiepreise, schnellere Genehmigungen und verlässlichere politische Leitplanken.
Rippel forderte einen international konkurrenzfähigen „All-in-Strompreis“ von 50 Euro/MWh und kritisierte die aktuelle Ausgestaltung des europäischen CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM deutlich: „CBAM soll ein Schutzschild sein, ist aber eher ein löchriger Regenschirm.“ Auch der „Industrial Accelerator Act“ der EU wurde kritisch diskutiert. Mehrere Teilnehmer monierten, dass europäische Wertschöpfung bislang nicht konsequent genug abgesichert werde.
Industrielle Souveränität rückt in den Fokus
Die Sorge um die industrielle Souveränität des Kontinents und um die europäische Stahlindustrie zog sich durch zahlreiche Panels. Marie Jaroni, CEO von Thyssenkrupp Steel Europe, mahnte, industrielle Wertschöpfungsketten stärker europäisch zu denken: „Wenn es am Ende die Stahlhersteller gibt, aber keine Kunden mehr, haben wir auch nichts gewonnen.“ Hintergrund ist die Befürchtung, dass Europa zwar „Green Steel“ fordert, zentrale industrielle Kompetenzen jedoch zunehmend außerhalb des Kontinents entstehen könnten.
Auch Zulieferketten rückten stärker in den Fokus. Kai Portmann, CEO der Erftcarbon GmbH, bezeichnete Graphitelektroden als einen der „unsichtbarsten Single Points of Failure“ der Elektrostahlproduktion. Die Komponenten seien zwar nur für einen kleinen Teil der Kosten verantwortlich, ohne sie stünden Werke jedoch still. Mit Blick auf globale Abhängigkeiten formulierte Portmann zugespitzt: „Wir müssen entscheiden, ob wir am Tisch sitzen oder Teil des Menüs sein wollen.“
Neben klassischen Absatzmärkten gewinnen Infrastruktur- und Verteidigungsprojekte an Bedeutung. Johnny Sjöström, Präsident und CEO von SSAB, verwies auf die strategische Bedeutung einer eigenen europäischen Stahlproduktion: „Steel is fundamental to build resilient societies.“ Europa dürfe sich bei einem solchen Schlüsselwerkstoff nicht von außereuropäischen Lieferanten abhängig machen. Gleichzeitig bezeichnete Sjöström die Transformation hin zu CO₂-ärmeren Produktionsverfahren als wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell.
Europäische Stahlindustrie vor der Skalierungsfrage
Technologisch standen Wasserstoff, Elektrifizierung und digitale Produktionsprozesse im Mittelpunkt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass weniger die Technologie selbst als deren Skalierung zur eigentlichen Herausforderung wird. Finanzierung, Infrastruktur, Rohstoffversorgung und Geschwindigkeit gelten inzwischen als entscheidende Engpässe.
Das grundsätzliche Fazit der Tagung: Die Branche verfügt über einen strategischen Kompass. Auffällig war jedoch die veränderte Tonlage vieler Diskussionen. Klimaneutralität bleibt das Ziel – Wettbewerbsfähigkeit und industrielle Souveränität rücken jedoch zunehmend gleichrangig daneben.
Foto: Stephan Schütze /@fotostephan