Was nützt die beste Vision von morgen, wenn die Substanz von heute schwindet? Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir Zukunftstechnologien beherrschen wollen, sondern ob wir bereit sind, die industrielle Basis zu erhalten, auf der diese Technologien überhaupt entstehen. Denn Abhängigkeit war nie ein gutes Geschäftsmodell – und doch bewegt sich Europa genau in diese Richtung. In manchen Bereichen geschieht dies leise und schrittweise, fast unbemerkt, in anderen bereits ziemlich laut.
Europa redet gern über Zukunftstechnologien: über Energiewende, Elektromobilität, industrielle Transformation. Strategiepapiere werden formuliert, Ziele verschärft, Programme aufgelegt. Doch während in Brüssel noch diskutiert wird, verändert sich die industrielle Realität längst – und zwar schneller, als vielen bewusst ist. Kaum ein Beispiel verdeutlicht diese Entwicklung besser als Elektroband. Denn die Elektrifizierung Europas beginnt nicht erst beim Windpark oder im Elektroauto. Sie beginnt viel früher – in diesem unscheinbaren, aber hochkomplexen Werkstoff. Ohne Elektroband laufen weder Windkraftgeneratoren noch E-Auto-Motoren noch industrielle Antriebssysteme.
Die Deindustrialisierung Europas läuft bereits schleichend
Die Zahlen sind alarmierend: Bereits mehr als 30 Prozent des Marktes werden heute durch Importe gedeckt – vielfach zu Preisen unter europäischen Produktionskosten. Gleichzeitig steigen die Einfuhren weiterverarbeiteter Vorprodukte deutlich an. Das ist kein normaler Wettbewerb mehr, es ist eine schleichende Verlagerung von Wertschöpfung. Genau darin zeigt sich die Deindustrialisierung Europas: nicht als plötzlicher Bruch, sondern als schrittweiser Verlust industrieller Fähigkeiten und Produktionskapazitäten.
Während europäische Hersteller unter hohen Energie- und Regulierungskosten produzieren, kommen aus Asien zunehmend fertige Komponenten. Was hier verloren geht, ist mehr als Marktanteil. Es ist industrielle Substanz. Und dieser Verlust passiert nicht irgendwann. Er passiert jetzt.
Ein Strukturproblem mit Ansage
Europa hat Instrumente, um auf unfaire Handelspraktiken zu reagieren. Doch sie greifen zu kurz, weil sie entlang überholter industrieller Logiken gedacht sind. Wer nur das Basismaterial schützt, schützt am Ende gar nichts. Denn Wertschöpfung verschwindet nicht auf einen Schlag. Sie wandert – zunächst kaum sichtbar, dann spürbar, schließlich unumkehrbar. Genau an diesem Punkt steht Europa heute.
Die Proteste der Branche, etwa durch den europäischen Stanzverband, sind deshalb kein Randphänomen. Sie sind ein Weckruf – einer, der bislang zu wenig Gehör findet. Es geht längst nicht mehr nur um Industriepolitik. Es geht um die strategische Handlungsfähigkeit Europas, denn ohne eigene industrielle Basis wird auch die Energiewende zur Abhängigkeit. Wer die Technologien der Zukunft nutzen will, muss auch in der Lage sein, ihre Grundlagen selbst zu produzieren. Europa hingegen riskiert, genau diese Fähigkeit aus der Hand zu geben. Die Deindustrialisierung Europas ist dann keine Warnung mehr, sondern Realität.
Anders formuliert: Europa diskutiert über die industrielle Zukunft, während andere sie bereits aufbauen. Was nützt die beste Vision von morgen, wenn die Substanz von heute schwindet?
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