Als Stahl-Blogger lernt man Demut. Nicht nur vor der Technik – die wir grundsätzlich gut beherrschen. Sondern vor dem Strompreis. Der hat sich in den letzten Jahren vom stillen Kostenfaktor zum lautesten Mitspieler im Stahlwerk entwickelt. Und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf das, was kurz vor Weihnachten aus Brüssel kam.
Die EU-Kommission hat die Beihilfeleitlinie zur CO2-Strompreiskompensation angepasst. Klingt trocken, ist aber in Wahrheit ziemlich heißes Eisen. Denn hinter diesem bürokratischen Begriff verbirgt sich nichts weniger als die Frage, ob Europas Stahlindustrie künftig noch wettbewerbsfähig produzieren kann – oder ob wir zuschauen, wie Wertschöpfung und Klimaschutz gemeinsam abwandern.
Strompreiskompensation: Notwendig, nicht verhandelbar
Strompreiskompensation ist kein Geschenk, kein „Nice-to-have“ und schon gar kein industriepolitischer Luxus. Sie ist die notwendige Antwort auf ein reales Problem: CO2-Kosten, die sich im Strompreis verstecken, treffen stromintensive Branchen mit voller Wucht. Besonders die Elektrostahlwerke – oft mittelständisch, oft schon heute CO₂-arm unterwegs – stehen dabei mit dem Rücken zur Wand. Wer grünen Stahl will, muss auch grünen Strom bezahlbar machen. Alles andere ist politische Poesie ohne industriellen Reim.
Dass die EU diese Regelung nun stabilisiert und vertieft hat, ist deshalb tatsächlich eine gute Nachricht. Eine von der Sorte, bei der man kurz innehält und denkt: Aha, verstanden. Ebenso bemerkenswert ist, dass die Bundesregierung hier geschlossen aufgetreten ist. Einheitlichkeit ist in Berlin ja bekanntlich kein Naturgesetz, umso erfreulicher, wenn sie einmal funktioniert.
Es braucht Umsetzung statt Euphorie
Aber – und das ist der Stahl-Blogger in mir – Euphorie ist kein Geschäftsmodell. Entscheidend wird sein, was jetzt folgt. Nationale Umsetzung, europäische Feinjustierung, rechtssichere Ausgestaltung. Der Teufel steckt wie immer im Detail, und der Stahl steht wie immer unter Hochdruck.
Am Ende bleibt die große, einfache Wahrheit: Die Industrie braucht einen dauerhaft international wettbewerbsfähigen Strompreis. Nicht als Übergangslösung, nicht als politisches Experiment, sondern als Fundament. Dazu gehören verstetigte Netzentgeltsenkungen genauso wie die Möglichkeit, Industriestrompreis und Strompreiskompensation sinnvoll zu kombinieren.
Kurz gesagt: Wer Klimaneutralität ernst meint, muss Strompreise ernst nehmen. Und wer Stahl in Europa halten will, sollte aufhören, ihn mit Weltmarktpreisen für Strom aus dem Rennen zu schicken. Weihnachten ist vorbei – jetzt ist Zeit für Umsetzung.
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Foto: Stahlblogger