Grüner Wasserstoff gilt als Schlüssel für die Defossilisierung industrieller Prozesse. Doch der Weg zu seinem breiten industriellen Einsatz bleibt steinig. Eine neue sozialwissenschaftliche Analyse des Norddeutschen Reallabors (NRL) zeigt nun, welche Faktoren den Wasserstoffhochlauf aus der Sicht von Branchenakteuren derzeit vorantreiben – und welche ihn erheblich bremsen. Kritik gibt es vor allem an unklarer Regulatorik und fehlender Wirtschaftlichkeit.
Die Untersuchung basiert auf den NRL Transformation Labs, einer im letzten Jahr in Hamburg durchgeführten Veranstaltungsreihe. Dort kamen Stakeholder aus Industrie, Energiewirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft an einen Tisch. Gemeinsam diskutierten sie über Treiber und Hemmnisse für den Markthochlauf von Sektorenkopplungstechnologien. Zwei der Labs fokussierten speziell die Erzeugung und industrielle Nutzung von grünem Wasserstoff. Die sozialwissenschaftlich ausgewerteten Diskussionsergebnisse liegen nun in der Studie „Wasserstoff in der Industrie: Zwischen Aufbruch und Blockade“ vor.
Energiewende als multiperspektivischer Transformationsprozess
„Die Energiewende ist mehr als eine technologische Transformation: Beim Umbau unseres Energiesystems müssen die Perspektiven, Interessen und Erwartungen ganz unterschiedlicher Akteur:innen berücksichtigt werden. Nur wenn sie frühzeitig in die Transformationsprozesse einfließen und mögliche Zielkonflikte gemeinsam adressiert werden, kann der Markthochlauf wesentlicher Technologien gelingen“, betont Prof. Dr. Simon Güntner, Professor für Sozialwissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und wissenschaftliche Leitung des Teams der Studienautoren am Competence Center für Energiewende (CC4E).
Deren Analyse identifiziert Faktoren, die den industriellen Einsatz von grünem Wasserstoff begünstigen oder aber hemmen. Teilnehmer kritisierten insbesondere unklare Vorgaben seitens der Regulatorik in Verbindung mit der EU-Richtlinie für erneuerbare Energien (RED II und RED III). Regulatorische Hürden blockieren aus Sicht der Stakeholder wichtige Investitionsentscheidungen, ebenso wie fehlende Geschäftsmodelle und mangelnde Wirtschaftlichkeit. Aspekte, die den Wasserstoffhochlauf begünstigen würden, sind etwa ein niedrigerer Strompreis, schnellere und einheitlichere Genehmigungsverfahren sowie der zügige Ausbau von Importkapazitäten, Speichern und dem Wasserstoffkernnetz. Als wichtiger Baustein für den Wasserstoffhochlauf wird überdies die Akzeptanz der Bevölkerung benannt, die durch Transparenz und Kommunikation gefördert werden kann.
Wasserstoffhochlauf braucht Systemverständnis und stabile Rahmenbedingungen
Ins Auge fällt, dass sich aus den Diskussionen der Transformation Labs mithilfe einer Szenarioanalyse nur ein einziges wünschenswertes Szenario ergibt, das tatsächlich zu einem Markthochlauf von grünem Wasserstoff führen würde. Dies lässt sich auf einen komplexen Hemmniskreislauf zurückführen, den viele Akteure derzeit spüren. Wirtschaftlichkeit lässt sich zurzeit schwierig erreichen, da Planbarkeit und gesicherte Verfügbarkeit nicht gegeben sind. Diese hängen jedoch von Infrastruktur, Genehmigungsverfahren und Regulatorik ab. Eine stabile Regulatorik wäre essenziell für viele Stellschrauben, doch aus Mangel an praktischer Umsetzung in diesem Rahmen werden Nachjustierungen unerlässlich sein.
Gleichzeitig stehen der Ausbau der Infrastruktur und unternehmerische Aktivität vor einem Henne-Ei-Problem. Förderungen könnten Abhilfe schaffen, doch diese benötigen eine Verbesserung der Förder- und Genehmigungsverfahren, welche ihrerseits vom Fachkräftemangel beeinflusst werden. Diesen Hemmniskreislauf machen Formate wie die Transformation Labs greifbar, indem sie dabei helfen, den Wasserstoffhochlauf als Gesamtsystem aus interdependenten Faktoren zu verstehen.
Handlungsbedarf: Verlässliche Rahmenbedingungen für den Wasserstoffhochlauf
Auf Basis dieser Erkenntnisse formuliert der Bericht einige Handlungsempfehlungen, um den Markthochlauf von grünem Wasserstoff zu unterstützen:
- Unsicherheiten durch Förderung reduzieren: Unternehmen benötigen stabile regulatorische Vorgaben und planbare Förderinstrumente (z. B. Kreditabsicherungen, PPAs und Carbon Contracts for Difference), um Investitionen abzusichern und Wirtschaftlichkeit herzustellen.
- Planungssicherheit und Anpassungsfähigkeit in Balance halten: Politik und Verwaltung müssen einerseits stabile Rahmenbedingungen schaffen, andererseits aber regulatorische Hürden abbauen und Regeln pragmatisch weiterentwickeln, um Investitionen nicht auszubremsen.
- Genehmigungen beschleunigen: Einheitliche Vorgaben, Grundlagenuntersuchungen und ein besserer Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Behörden können Verfahren beschleunigen und Unsicherheiten verringern.
- Wirtschaftlichkeit absichern: Die Senkung von Betriebskosten – insbesondere über günstigeren Grünstrom – ist ein zentraler Hebel. Übergangsmechanismen wie eine Strompreisbrücke werden von vielen Stakeholdern als notwendig angesehen.
- Infrastruktur ausbauen: Für die Wasserstoffverfügbarkeit spielen Importe und auch die Verteilbarkeit regional erzeugten Wasserstoffs eine entscheidende Rolle, vor allem für die chemische Industrie. Importterminals, Speicher und Transportnetze müssen frühzeitig ausgebaut und zeitlich mit industriellen Transformationsprozessen verzahnt werden.
- Akzeptanz schaffen: Transparente Kommunikation über notwendige Veränderungen und stärkere Bürger- bzw. Kommunalbeteiligung führen zu einem größeren gesellschaftlichen Rückhalt.
Insgesamt zeigt sich: Der Wasserstoffhochlauf gelingt nur durch ein koordiniertes Zusammenspiel von Regulatorik, Förderung, Infrastruktur und Kommunikation. Einzelmaßnahmen reichen laut Norddeutschem Reallabor nicht aus.
Über die Studienreihe
Die Studie „Wasserstoff in der Industrie: Zwischen Aufbruch und Blockade” von Astrid Saidi, Robin Jaede, Henry Riedl, Dr. Sandra Meyer-Ghosh und Prof. Dr. Simon Güntner vom Competence Center für Energiewende (CC4E) der HAW Hamburg ist der erste Teil der im Winter 2025 gestarteten NRL-Studienreihe Energiesystem im Umbruch: Akteur:innen der Transformation im Dialog. Es folgen in lockerer Reihe Studien zu industrieller Abwärme und kommunaler Wärmeplanung, zum Einsatz von Wasserstoff in der Straßenmobilität sowie zur gesellschaftlichen Teilhabe an der Transformation. Hintergrund ist die in 2024 durchgeführte Veranstaltungsreihe der NRL Transformation Labs, in denen regionale Akteuren der Energiewende gemeinsam über Treiber und Hemmnisse des Markthochlaufs von Sektorenkopplungstechnologien diskutierten. Alle Studien werden unter www.norddeutsches-reallabor.de/presse#studien bereitgestellt.
Reallabore gibt es auch andernorts. Thyssenkrupp Steel Europe beispielsweise im Februar 2022 das Reallabor „H2Stahl“ gestartet.
Foto: Norddeutsches Reallabor