2026 ist kein Symboljahr – 2026 ist die Investitionsampel

„Stahlgedanken: 2026 Investitionsjahr - Stahlbloggers Kolumne“
34,1 Millionen Tonnen Rohstahl – eine Zahl wie ein Stich. Nicht, weil sie einen Zyklus beschreibt, sondern weil sie eine Schwelle markiert. Im vierten Krisenjahr in Folge steht die deutsche Stahlindustrie nicht mehr vor einer Delle, sondern vor einer strukturellen Entscheidung: Standortsicherung oder schleichende Deindustrialisierung?

Es gibt Zahlen, die wirken wie ein kurzer Stich, weil sie nicht nur einen Trend beschreiben, sondern eine kritische Schwelle.

34,1 Millionen Tonnen Rohstahl sind genau so eine Zahl. Denn wer Stahl liest, liest Industrie. Wer Industrie liest, liest Wohlstand. Und wer die Jahresbilanz 2025 der Wirtschaftsvereinigung Stahl nüchtern anschaut, der merkt: Wir sind nicht mehr in einer Delle. Wir sind im strukturellen Absturz. Im vierten Krisenjahr in Folge.

34,1 Mio. Tonnen Rohstahl sind nicht „schwach“. Das ist Alarmstufe Rot. Die Produktion ist 2025 um rund 9 % eingebrochen – gegenüber einem Vorjahr, das schon schlecht war. Das klingt auf dem Papier wie Zyklus. Ist es aber nicht. Denn die entscheidende Botschaft steckt nicht in den Tonnen. Sie steckt in der Auslastung: unter 70 %. Für Branchenfremde: Das ist nicht „unangenehm“. Das ist toxisch. Fixkosten lassen sich nicht wegdiskutieren. Nicht in einer energieintensiven Industrie. Nicht in einer Branche, die über Menge überlebt. Und noch härter: Seit 2018 wurde die Marke von 40 Mio. Tonnen – also das Minimum für halbwegs auskömmliche Auslastung – sechsmal unterschritten. Sechsmal. Das ist kein Wetter. Das ist Klima.

Und wer glaubt, das sei nur ein Produktionsproblem, verpasst den Kern. Produktion folgt Nachfrage. Und die Nachfrage ist 2025 ebenfalls abgestürzt. Die Marktversorgung lag hochgerechnet bei rund 30 Mio. Tonnen (bis Oktober). Noch einmal weniger als ohnehin schon in den Vorjahren. Das heißt: Selbst wenn die Werke technisch könnten – der Markt zieht nicht. Deutschland zieht nicht.

Und das ist der Punkt, über den kaum jemand spricht: Wenn Nachfrage strukturell schwach bleibt, passiert das, was in Präsentationen harmlos klingt – und in der Realität brutal ist. Dann werden Standorte „optimiert“. Das ist das höfliche Wort für: schließen, stilllegen, ausgliedern, abwandern.

Wenn Europa das nicht stoppt, passiert etwas Absurdes: Dann baut Europa seine Industriepolitik auf Stahl aus dem Ausland. Man bestellt eine Feuerwehr – und baut gleichzeitig die Hydranten ab. Willkommen in der Logik der Deindustrialisierung.

Darum gilt: 2026 ist kein Symboljahr. 2026 ist die Investitionsampel.

Und jetzt kommt der Teil, der oft untergeht: Es gibt einen Ausweg. Er ist nicht romantisch. Aber er ist logisch. Wenn Politik Klimaneutralität will, muss Politik Märkte schaffen. Leitmärkte. Nicht per Sonntagsrede, sondern per Instrument.

Vergaberecht: Öffentliche Bauprojekte müssen emissionsarme Grundstoffe verbindlich berücksichtigen – nicht als „kann“, sondern als Standard. EU-Content-Regeln: Wer öffentliche Milliardenaufträge auslöst, muss europäische Wertschöpfung absichern. Industrial Accelerator Act: Chance, Nachfrage in stahlverwendenden Branchen gezielt anzuschieben. Das ist kein Protektionismus. Das ist Strategie.

Denn Leitmärkte entstehen nur dort, wo emissionsarmer Stahl verlässlich abgenommen wird. Und ohne Verlässlichkeit gibt es keine Finanzierung. Ohne Finanzierung keine Transformation. Ohne Transformation keinen Stahlstandort.

Das vierte Krisenjahr ist keine Statistik. Es ist ein Test. Die 34,1 Mio. Tonnen sind nicht der Punkt. Sie sind das Symptom. Der Befund ist klar: Nachfrage schwach. Importdruck hoch. Energiekosten nicht wettbewerbsfähig. Politische Instrumente erkannt – aber noch nicht umgesetzt.

Die Industrie wartet nicht auf Papiere. Sie wartet auf Umsetzungsakte.

Wenn 2026 wirklich das „Jahr der Standortsicherung“ werden soll, braucht es drei Dinge sofort: ein wirksames EU-Schutzinstrument gegen Importdruck. Einen wettbewerbsfähigen industriellen Strompreis. Und Leitmärkte – über Vergaberecht und EU-Content-Regeln.

Sonst wird 2027 das Jahr der Rückblicke.

2028 das Jahr der Schuldzuweisungen.

2029 das Jahr der Abhängigkeiten.

Und das wäre dann wirklich die dümmste Form von Deindustrialisierung: die, die man kommen sah – und trotzdem laufen ließ.

 

Ihre Meinung ist gefragt:

Sie möchten meine Kolumne kommentieren oder mit mir diskutieren? Das können Sie auf LinkedIn.

Mehr Kolumnen auf StahlBase.com:

Einen Überblick über meine bisherigen Beiträge finden Sie hier.

Foto: Stahlblogger

Diesen Post teilen

Inhaltsverzeichnis

Stahlwissen kompakt – Fakten, Trends, Vorsprung

Mit unserem wöchentlichen Newsletter sind Sie immer up-to-date.