Die Stahlproduktion bleibt nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ein wichtiger Bestandteil des Industriestandorts Deutschland. Im aktuellen Kurzbericht 52-2026 warnt das Institut vor den Folgen einer Verlagerung von Produktionskapazitäten und verweist auf die enge Verflechtung der Stahlindustrie mit anderen Wirtschaftszweigen.
Rund 605.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen dem IW zufolge unmittelbar von der Stahlindustrie ab, etwa bei Zulieferern und Abnehmern. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind rund 5,5 Millionen Arbeitsplätze mit der Branche verbunden. Die Roheisen- und Stahlherstellung produzierte 2023 Vorleistungen im Wert von mehr als 80 Milliarden Euro. Mehr als 22 Milliarden Euro davon entfielen auf Metallerzeugnisse, Automobilbau, Maschinenbau und weitere Anwendungen.
Stahlproduktion unter wirtschaftlichem und technologischem Druck
Die deutsche Stahlindustrie steht gleichzeitig unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Die Rohstahlproduktion lag 2025 das vierte Jahr in Folge deutlich unter 40 Millionen Tonnen. Als Ursachen nennt das IW unter anderem die schwache Nachfrage im In- und Ausland sowie weltweite Überkapazitäten, die Preise und Margen belasten. Zugleich verweist das Institut auf die erhebliche staatliche Unterstützung der chinesischen Stahlindustrie.
Hinzu kommen die Herausforderungen der Transformation. Kapitalintensive Industrieanlagen können nach Einschätzung des IW nicht kurzfristig auf veränderte CO₂-Preise reagieren. Größere Investitionen erfolgen häufig erst im Rahmen von Modernisierungszyklen von zehn bis 20 Jahren. Gleichzeitig fehlen für viele klimafreundliche Produktionsverfahren noch infrastrukturelle Voraussetzungen und tragfähige Geschäftsmodelle, etwa für Wasserstoff sowie die Abscheidung und den Transport von CO₂.
Für die kommenden zehn bis 15 Jahre sieht das IW deshalb ein Spannungsfeld: Der CO₂-Preis müsse einerseits Investitionsanreize für klimafreundliche Verfahren setzen, dürfe bestehende Anlagen andererseits aber nicht so stark belasten, dass diese schließen, bevor eine Umstellung möglich ist. Die bestehenden Kapazitäten müssten weiterbetrieben werden können, um die Finanzierung neuer klimafreundlicher Anlagen zu ermöglichen.
IW betont Resilienz heimischer Stahlproduktion
Für die Bewertung der künftigen Wettbewerbsfähigkeit reicht nach Einschätzung des IW ein Vergleich der reinen Produktionskosten nicht aus. Neben den Kosten seien Produktivität, Qualität, Lieferzuverlässigkeit und die Nähe zu Zulieferern und Abnehmern relevant. Auch günstigere Vormaterialpreise könnten durch längere Lieferketten, höhere Lagerbestände oder längere Reaktionszeiten relativiert werden.
Eine besondere Bedeutung misst das Institut der Resilienz bei. Die Abhängigkeit von Rohstoffimporten sei nicht mit einer Abhängigkeit von Produktionskapazitäten gleichzusetzen. Für Eisenerz bestehe ein liquider Weltmarkt, sodass sich einzelne Lieferausfälle ausgleichen ließen. Stahlproduktion sei dagegen an konkrete Anlagen und Kapazitäten gebunden, die kurzfristig nicht ersetzt werden könnten.
Das IW schließt Importe als Bestandteil einer künftigen Stahlversorgung ausdrücklich nicht aus. Klimafreundlicher Wasserstoff, Eisenschwamm oder andere Vorprodukte könnten international beschafft werden und Teil einer wettbewerbsfähigen deutschen Stahlproduktion sein. Entscheidend sei, dass deutsche Standorte die Möglichkeit erhalten, sich in einer veränderten Wertschöpfungskette zu positionieren.
Transformation der Stahlindustrie politisch flankieren
Für eine wettbewerbsfähige Transformation hält das IW zusätzliche industriepolitische Maßnahmen für erforderlich. Dazu gehören Leitmärkte für klimafreundliche Produkte, wettbewerbsfähige Energiepreise und eine Absicherung der Übergangsphase, in der konventionelle und klimafreundliche Produktionsverfahren parallel betrieben werden.
Mittel aus dem Klima- und Transformationsfonds sollten nach Einschätzung des Instituts konsequent für die Industrietransformation eingesetzt werden. Zudem fordert das IW einen besseren Marktschutz gegen unfaire Wettbewerbsverzerrungen aus Nicht-EU-Staaten sowie eine Weiterentwicklung des CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM.
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