Die europäische Stahl- und Metallbranche will am 7. September 2026 mit einem Industriekonvoi in Brüssel für bessere Wettbewerbsbedingungen demonstrieren. Unter dem Motto „Keep Manufacturing in Europe“ sollen Industriefahrzeuge und Delegationen aus mehreren europäischen Ländern zum Berlaymont-Gebäude der Europäischen Kommission fahren. Initiator ist der europäische Verband Eurometal. Dessen im April gestarteter Aufruf zum Schutz des europäischen Stahl- und Metallsektors hat mittlerweile rund 500 Unterzeichner erreicht, darunter Unternehmen und mehr als 40 nationale Stahlverbände.
Dem zugrunde liegenden Bericht „European Steel Industry at a Crossroads“ zufolge steht das Produktions- und Vertriebsökosystem, für das die Koalition eintritt, europaweit für mehr als 14 Millionen Arbeitsplätze.
Stahlbranche bringt Forderungen nach Brüssel
Der Bericht von Dr. Alberto Claudio Tremolada sieht die europäische Stahlwirtschaft unter strukturellem Druck. Im Jahr 2025 sank der sichtbare Stahlverbrauch in der EU das vierte Jahr in Folge, diesmal um 0,2 Prozent. Bereits 2022 war er um 8 Prozent, 2023 um 6 Prozent und 2024 um 1,1 Prozent zurückgegangen. Für 2026 wird eine Erholung um rund 3 Prozent erwartet, die laut Bericht allerdings von einer Entspannung der geopolitischen Lage und einer Verbesserung des industriellen Umfelds abhängt.
Auch die stahlverarbeitenden Branchen entwickelten sich zuletzt schwach. Der SWIP-Index ging 2025 um 0,5 Prozent zurück, nachdem er bereits 2024 um 3,6 Prozent gesunken war. Die Automobilproduktion verringerte sich 2025 um 3,8 Prozent, während der Bausektor lediglich um 0,1 Prozent zulegte.
Gleichzeitig bleibt der Importdruck hoch. Einschließlich Halbzeugen entsprechen Einfuhren mittlerweile 27 Prozent des sichtbaren Stahlverbrauchs in der EU. Dies habe Marktanteile der europäischen Stahlhersteller geschmälert und die Margen von Service-Centern und regionalen Händlern unter Druck gesetzt.
Branche fordert Industriestrompreis von 5 Cent
Zu den zentralen Forderungen des Bündnisses gehören wettbewerbsfähigere Energiepreise. Strom und Erdgas seien in Europa im internationalen Vergleich weiterhin teuer und belasteten insbesondere energieintensive Produktionsprozesse. Nach Einschätzung der Industrie erschweren die hohen Energiekosten zugleich die Transformation von der Hochofen-Konverter-Route zu Elektrolichtbogenöfen.
Die Koalition fordert deshalb einen Industriestrompreis von höchstens 5 Cent pro Kilowattstunde. Darüber hinaus verlangt sie widerstandsfähigere Lieferketten, den Schutz industrieller Arbeitsplätze und Investitionen sowie eine Verringerung der strategischen Abhängigkeit Europas von Drittländern.
CBAM soll auch nachgelagerte Stahlprodukte erfassen
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM. Der Bericht spricht von einem „Downstream-Paradoxon“: Während auf importierten Stahl durch den CBAM Mehrkosten von geschätzt 50 bis 60 Euro pro Tonne zukommen könnten, werden nicht alle weiterverarbeiteten stahlhaltigen Produkte, Komponenten und Fertigerzeugnisse erfasst.
Dadurch könnten Verarbeiter, Service-Center und Komponentenhersteller in der EU gegenüber außerhalb der EU produzierten Fertigwaren benachteiligt werden. Endabnehmer könnten einen stärkeren Anreiz erhalten, bereits verarbeitete oder montierte Produkte aus Drittländern zu beziehen.
Der Bericht fordert deshalb eine Ausweitung des CBAM auf nachgelagerte Stahlprodukte und metallintensive Fertigwaren. Damit soll verhindert werden, dass Verarbeitungsschritte und industrielle Wertschöpfung aus der EU abwandern. Die Debatte über den CBAM bildet damit einen Teil des industriepolitischen Hintergrunds für den geplanten Konvoi nach Brüssel.
Stahlbranche fordert stärkeren Schutz der Wertschöpfungskette
Darüber hinaus fordert die Industrie, Stahlschrott als strategischen Sekundärrohstoff anzuerkennen und Exporte in Länder ohne vergleichbare Umweltstandards stärker zu kontrollieren. Bei öffentlichen Ausschreibungen für Infrastruktur, Verteidigung, Stromnetze und nachhaltigen Verkehr sollen nach Vorstellung des Bündnisses verbindliche „Made in EU“-Kriterien eingeführt werden.
Langfristig sieht der Bericht die Kombination von Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen als wichtigen Baustein für die Transformation der europäischen Stahlindustrie. Dafür müsse grüner Wasserstoff in ausreichender Menge und zu Preisen von weniger als 2 Euro pro Kilogramm verfügbar sein. Mit dem Industriekonvoi am 7. September will die europäische Stahl- und Metallbranche ihren industriepolitischen Anliegen in Brüssel zusätzliche Sichtbarkeit verschaffen.
Foto: Eurometal