Die bislang von drei Unternehmen gehaltenen Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) steuern auf die Integration in einen einzelnen Konzern zu. Unter Vermittlung des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch hatten sich Thyssenkrupp Steel Europe (50 Prozent der Anteile) und die Salzgitter AG (30 Prozent) auf eine Übertragung geeinigt. Die restlichen 20 Prozent liegen derzeit noch bei Vallourec. Gehen diese auch noch auf die Salzgitter AG über, wird es eine deutliche HKM-Transformation geben.
Erleichterung im Arbeitnehmerlager
Sarah Philipp, Vorsitzende der historisch als Arbeiterpartei verankerten SPD in Nordrhein-Westfalen und Landtagsabgeordnete, sieht in der Einigung ein „wichtiges Signal“ und „gute Nachrichten für Duisburg und unsere Stahlfamilie“. Aus ihrer Sicht sei ein „entscheidender Schritt gelungen, um den Standort Duisburg und Arbeitsplätze abzusichern“. Als entscheidend wertet sie, dass „Planungssicherheit und eine positive Zukunftsperspektive“ bestehe, die Brammenbelieferung bis Ende 2028 gesichert sei und der Standort in Duisburg-Hüttenheim die Chance habe, „Teil der Transformation hin zu einer CO2-armen Stahlproduktion zu werden“.
Die Stimmen aus dem Arbeitnehmerlager sind von Erleichterung geprägt, wie sich beispielsweise an Marco Gasse, dem HKM-Betriebsratsvorsitzenden zeigt: „Für den Augenblick sind wir einfach nur glücklich. Nun gilt es für uns als Betriebsrat den Übergang fair zu gestalten. Die Zukunft der HKM liegt in unseren Händen. Wir danken allen Beteiligten für ihren unermüdlichen Einsatz für den Erhalt unserer Hütte.“
In ähnlicher Tonlage äußert sich Karsten Kaus, Geschäftsführer der IG Metall Duisburg-Dinslaken: „Mit der Einigung der Gesellschafter fällt uns allen ein großer Stein vom Herzen. Damit bleibt Duisburg der größte Stahlstandort Europas. Das ist ein gutes Signal in die Belegschaft, in die Region und für den Stahl in Deutschland.“
„Gleich zwei gute Nachrichten“
Einen Einblick hinter die Kulissen gewährt Marie Jaroni. Es seien „lange, schwierige und intensive Verhandlungen“ gewesen, denn „immerhin handelt es sich bei HKM um das zweitgrößte deutsche Hüttenwerk“, so die Vorstandsvorsitzende von Thysenkrupp Steel Europe. In der Vereinbarung, dass die Salzgitter AG HKM planmäßig ab 1. Juni 2026 als alleinige Gesellschafterin fortführt, erkannte sie „gleich zwei gute Nachrichten“:
1. „Wir haben einen ganz wichtigen Meilenstein in der Umsetzung unseres industriellen Konzepts erreicht. Die Trennung von der HKM ist eine wesentliche Voraussetzung für eine zukunftsfeste Aufstellung unseres Unternehmens.“
2. „Und es gibt eine Zukunft für die Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH, Klarheit und Perspektive für die Beschäftigten. Mit der erzielten Einigung wird Salzgitter das Unternehmen übernehmen und in alleiniger Verantwortung fortführen.“
HKM-Transformation als Baustein der Konzernneuaufstellung
Miguel López als Chef der Konzernmutter Thyssenkrupp schlägt naturgemäß in dieselbe Kerbe. Für ihn markiert die voraussichtliche Einigung mit der Salzgitter AG (deren Gremien müssen noch zustimmen) einen „wichtigen Meilenstein für Thyssenkrupp Steel“. Zentrales Anliegen seines Hauses sei es gewesen, eine „tragfähige Lösung“ für HKM zu finden und damit den Standort im Duisburger Süden zu erhalten – auch wenn die Verständigung darüber „mit schmerzhaften Einschnitten verbunden“ sei, die insbesondere die Belegschaft betreffen.
Primäres Ziel des Deals ist aber offensichtlich nicht die Zukunft von HKM, sondern das Abschieben eines vermutlich als Altlast empfunden Joint-Ventures. Denn: Die Entscheidungen vor allem auf Kosten der Belegschaft seien „notwendig, um Thyssenkrupp Steel eine langfristige Zukunftsperspektive zu geben“. Mit dem vor kurzem abgeschlossenen Sanierungstarifvertrag und den Verhandlungsergebnissen habe man nun eine „belastbare Grundlage“, um die „strukturellen Herausforderungen im Stahlbereich beherzt“ anzugehen und das „industrielle Zukunftskonzept des Stahlvorstandes erfolgreich umzusetzen“.
Für den Manager ist der Verkauf der HKM-Anteile zugleich ein zentraler Baustein der Konzerntransformation, bekennt er. Die Segmente von Thyssenkrupp würden „konsequent wettbewerbs- und kapitalmarktfähig“ ausgerichtet, um sie zu verselbständigen oder für Beteiligungen Dritter zu öffnen. Schließlich lautet das Ziel, Thyssenkrupp zu einer „fokussierten Finanzholding“ umzubauen, die „strategische Mehrheiten an ihren Geschäften hält“ und „Wert nachhaltig steigert“.
Strategische Überzeugung und Einbindung in den CO2-Umbau
Warum die Salzgitter AG, die Hüttenwerke Krupp Mannesmann ab dem 1. Juni 2026 als alleinige Gesellschafterin fortführen will, bringt deren Vorstandsvorsitzender Gunnar Groebler auf den Punkt: „aus strategischer Überzeugung“. Schließlich passe die das industrielles Konzept und in die Zukunftsausrichtung des niedersächsischen Konzerns. Am Standort soll ein Elektrolichtbogenofen (EAF) errichtet werden und das Werk damit unmittelbar in den Transformationsprozess der Salzgitter AG hin zu einer CO2-armen Stahlerzeugung eingebunden werden. Der künftige Einsatz von Schrott im EAF stärke zudem den kreislaufwirtschaftlichen Ansatz und schließe „zentrale Stoffkreisläufe innerhalb des Konzerns und darüber hinaus“.
Auf der Habenseite sieht er für die HKM-Transformation „starke Voraussetzungen“ und nennt explizit „eine qualifizierte Mannschaft“, die „optimale Anbindung über Schiff, Schiene und Straße“, die bestehende Infrastruktur inklusive eines Netzanschlusses für den EAF sowie Kunden im direkten Umfeld. Auf Wohlwollen in der Politik stößt mit Sicherheit seine Aussage, dass die geplante Übernahme ein „klares Bekenntnis zur Industrieregion Duisburg, zum Stahlstandort Deutschland und zu einer resilienten industriellen Basis in Europa“ sei.
Kapazitätsrückgang und Personalabbau
Während in den offiziellen Stellungnahmen seitens der Arbeitnehmervertreter vor allem Erleichterung zu erkennen war, dass HKM in Duisburg fortgeführt wird, hat Thyssenkrupp-Chef Lopez auf die „harten Einschnitte“ hingewiesen. Um die grundsätzliche Perspektive von HKM zu sichern, müsse die Salzgitter AG als neuer Hausherr den Standort an die „veränderten Realitäten des europäischen Marktes“ anpassen, so Groebler. Quantitativ äußert er sich diesbezüglich nur zu den Produktionskapazitäten, die „von heute fünf auf rund zwei Millionen Tonnen pro Jahr“ sinken sollen. Die damit einhergehenden „Personalanpassungen“ habe man „von Beginn an offen kommuniziert“ und sei diesbezüglich schnell in konstruktive Gespräche mit der IG Metall gegangen. Im Markt kursierende Zahlen sehen ein Schrumpfen der Belegschaft von rund 3.000 auf 1.000 Köpfe.
Die Einigung mit Thyssenkrupp Steel Europe sei „ein entscheidendes Etappenziel“, doch die eigentliche Arbeit beginne danach, so Groebler: „Bis zum Sommer gilt es, die Eckpunkte umzusetzen und die Übernahme final zu strukturieren“ – und die HKM-Transformation „zum Erfolg zu führen“. Ein anderes, vorzeitiges Ende ist indes bekannt: Die ursprünglich zu Ende 2032 gekündigte Belieferung von Thyssenkrupp Steel Europe mit Brammen läuft vorzeitig zum Jahresende 2028 aus.
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