Hürden beim KI-Einsatz überwinden

Chip mit Gehirn-Design, im Artikel geht es um den KI-Einsatz im Stahl.
Die erzeugende wie verarbeitende Stahlindustrie steht unter hohem Transformationsdruck: Energiekosten, Klimaziele, Lieferkettenrisiken und der Fachkräftemangel erfordern neue Lösungen. Künstliche Intelligenz kann Prozesse beschleunigen und Mitarbeitende entlasten. Doch dafür müssen Unternehmen alte Systeme modernisieren, Teams qualifizieren und Vorbehalte abbauen. Fünf Hürden – und wie sie sich überwinden lassen.

Mit KI können repetitive, fehleranfällige Tätigkeiten automatisiert werden, was Mitarbeitende entlastet und Durchlaufzeiten verkürzt: vom Zertifikats- und Qualitäts-Reporting über Disposition und Auftragssteuerung bis hin zu Kundenkommunikation und digitaler Schichtübergabe. Entscheidend ist, dass die neuen Technologien klug in bestehende Abläufe integriert werden. Diese fünf Herausforderungen beim KI-Einsatz sollten Sie dabei im Blick haben:

1. Alte IT-Systeme blockieren Innovation

Viele Werke arbeiten mit historisch gewachsenen IT-Landschaften, die kaum Schnittstellen bieten. Tools laufen dann oft isoliert nebenher, was Abläufe langsam und fehleranfällig macht, etwa weil Daten manuell von System 1 in System 2 übergeben werden müssen. Jetzt bringt es wenig, ein altes IT-Silo zu behalten und daneben ein neues KI-Silo aufzubauen. Erst wenn Systeme über moderne Schnittstellen (APIs) verbunden sind, kann KI ihre Stärke ausspielen: Die Daten fließen, Entscheidungen werden reproduzierbar und Automatisierungen unterstützen dort, wo heute noch vieles von Hand erledigt wird.

In der Praxis könnte das bedeuten: Zertifikatsdaten, Prüfberichte, Chargen- und Wärmeinformationen, Planungs- und Auftragsdaten müssen zusammenfinden. Ob als schrittweise Modernisierung im laufenden Betrieb oder als kompletter Systemwechsel – beides kann sich bereits in wenigen Jahren amortisieren, wenn Fehlerquoten und die Abhängigkeit von wenigen speziell geschulten Mitarbeitenden sinken, und die Prozesse insgesamt schlanker werden.

2. Fachkräftemangel verschärft den Druck

Die Personallage ist auch in der Stahlindustrie angespannt. Laut einer Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (November 2024) geben 46 % der Unternehmen an, von starkem Fachkräftemangel betroffen zu sein. Das erhöht den Druck auf die Mitarbeitenden. KI kann hier gezielt entlasten – also dort, wo heute viel Zeit für Suchen, Sortieren, Übertragen und Nachfassen von Informationen aufgewendet wird.

Ein typisches Beispiel ist die Kunden- und Qualitätskommunikation: Täglich treffen Anfragen zu Zertifikaten, Toleranzen oder Lieferstatus ein, zugleich Bestellungen und (manchmal leider auch) Beschwerden. KI-gestützte Systeme können diese Eingänge klassifizieren, automatisch den relevanten Aufträgen und Chargen zuordnen, Standardfragen beantworten und Sonderfälle den richtigen Fachleuten zuweisen. Im Gegenzug gewinnen Mitarbeitende Zeit für die Gespräche, in denen menschliche Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Verhandlungskompetenz den Unterschied machen.

Auch die Zusammenarbeit in mehrsprachigen Teams lässt sich spürbar verbessern. In der Produktion arbeiten häufig Menschen mit Migrationshintergrund. Hier können KI-gestützte Übersetzungen im laufenden Betrieb unterstützen: Anweisungen und Rückfragen zwischen Mitarbeitenden und Vorarbeitern werden z. B. mithilfe des Smartphones in Echtzeit in die andere Sprache übertragen und protokolliert. Für die Weiterbildung lassen sich Lernvideos mit KI-Avataren bereitstellen, die Inhalte in der benötigten Sprache wiedergeben. Das beschleunigt die Einarbeitung und macht Abläufe stabiler.

3. Fehlendes Training bremst die Nutzung

Lizenzen sind schnell gekauft, doch ohne Schulung bleibt die Wirkung gering. Die entsteht erst, wenn Menschen die KI-Werkzeuge professionell und sinnvoll einsetzen können. Gerade in der Industrie gibt es noch viel Zurückhaltung. Unklare Regeln und die Sorge, Fehler zu machen, führen dazu, dass neue Lösungen kaum genutzt werden. KI kann aber nur entlasten, wenn praxisnahe Weiterbildungen angeboten werden, die auf die unterschiedlichen Rollen im Unternehmen zugeschnitten sind. Schichtführer brauchen andere Use Cases als QS-Teams oder Vertrieb, Instandhaltung andere als Disposition.

4. Skepsis und Ängste im Team

Die Sorge, dass KI Arbeitsplätze überflüssig macht oder Mitarbeitende überfordert, ist real – und sie ist unbedingt ernst zu nehmen. KI soll nicht Menschen ersetzen, sondern repetitive Aufgaben übernehmen. Pilotprojekte sind ein guter Weg, um die Vorteile im Alltag sichtbar zu machen. Wenn Teams erleben, dass sie weniger Papierarbeit haben oder schneller reagieren können, steigt die Akzeptanz.
Führungskräfte nehmen hierbei eine Schlüsselrolle ein. Sie müssen Zweifel ausräumen und Vorbild sein. Das bedeutet auch, das „Warum“ klarzumachen: KI übernimmt die monotonen Tätigkeiten, um Menschen zu entlasten. Damit Fachwissen, Erfahrung und Kreativität dort wirken, wo sie echten Mehrwert schaffen: in der Qualitätssicherung, in der Optimierung von Prozessketten, in der Kundenbeziehung. Transformation ist also nicht nur eine technische, sondern vor allem eine kulturelle Aufgabe.

5. Regulatorik schafft Unsicherheit

Seit Sommer 2024 gilt der EU-AI-Act. Er verpflichtet Firmen, Mitarbeitende im Umgang mit KI zu schulen, und schreibt zugleich Kennzeichnungs- und Dokumentationspflichten vor. Konkret bedeutet das: Unternehmen müssen heute schon nachweisen können, dass Mitarbeitende die nötigen KI-Kompetenzen entsprechend ihrer Aufgaben und Einsatzfelder besitzen und dass wichtige Entscheidungen dokumentiert werden. Das gilt auch für Assistenzsysteme, die im Hintergrund arbeiten. Ab 2026 müssen zudem KI-generierte Inhalte als solche erkennbar sein.

Viele Unternehmen unterschätzen den organisatorischen Aufwand. Doch was auf den ersten Blick erst einmal wie eine Bürde wirkt, kann die Transformation beschleunigen. Wer das ernst nimmt und frühzeitig eine für die KI-Regulatorik verantwortliche Person benennt, die Schulungen koordiniert, die Dokumentationspflichten erfüllt und die technische Umsetzung begleitet, verschafft sich einen echten Vorsprung.

Fazit

Klar ist: Der KI-Einsatz im Stahl ist kein Selbstläufer. Er erfordert Investitionen in Systeme, Schulungen und Kulturwandel. Doch der Nutzen überwiegt: Unternehmen können Prozesse verschlanken, Fehler reduzieren, Mitarbeitende entlasten und ihre Attraktivität als Arbeitgeber steigern. Für die Stahlindustrie ist jetzt ein guter Zeitpunkt, den Einstieg zu wagen. Wer mit konkreten Zielen beginnt und sein Team befähigt, profitiert doppelt: im Tagesgeschäft – und bei den steigenden Anforderungen aus Markt und Regulierung.

 

Zum Autor
Timm Rotter ist Gründer und Geschäftsführer der KI-Beratung disruptive in München/Berlin. disruptive unterstützt vor allem mittelständische Unternehmen dabei, KI-Lösungen praxisnah einzusetzen – von der Analyse über Pilotprojekte bis zur Umsetzung. Mit der „disruptive KI Akademie” hat seine Firma zudem eine der ersten KI-Selbstlernplattformen speziell für mittelständische Unternehmen entwickelt. Zudem leitet Rotter die Kommunikationsagentur In A Nutshell. Mehr: disruptive-muenchen.de

 Foto: GxSasai/Shutterstock.com

 

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Auf der zweiten Seite finden Sie praxisnahe Schritte für den Einstieg und konkrete Anwendungsbeispiele, die veranschaulichen, wie KI den Alltag in der Stahlindustrie bereits heute spürbar erleichtern kann.

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