Zögerliche Entscheidungen prägten das Stahljahr 2025 stärker als Technologien oder Investitionen. In seiner Kolumne zieht der Stahlblogger eine persönliche Bilanz – und fragt, wer sich im Jahr der Mutprobe wirklich bewegt hat.
Es gibt Momente, die ein ganzes Jahr auf den Punkt bringen. Für mich war es ein Gespräch im Frühjahr 2025, mitten in einer Werkshalle, die vom Maschinenlärm vibrierte. Ein Ingenieur lehnte sich ans Geländer, sah mich ernst an und sagte: „Wir wissen, was wir tun müssen. Wir wissen sogar, wie. Aber niemand traut sich, es freizugeben.“ Genau das beschreibt 2025 besser als jede Statistik. Ein Jahr, das am fehlenden Mut gescheitert ist.
Fortschritt ist die Mutprobe
Ja – die Branche investierte 1,4 Milliarden Euro in emissionsarme Technologien. Aber noch deutlicher war etwas anderes: ein bemerkenswert hoher Anteil an Projekten, die ins Stocken gerieten. Nicht wegen mangelnder Technik. Nicht wegen fehlender Expertise. Sondern, weil Entscheidungen verschoben wurden. Ein Beispiel ist das Projekt Salcos: Vor wenigen Wochen im September hat die Salzgitter AG mitten im Transformationsprozess entschieden, die zweite und dritte Implementierungsstufe statt 2026 erst 2028/29 angehen zu wollen. Ähnliches bei ArcelorMittal: Pilotversuche liefen, doch der Konzern stoppte im Sommer seine Pläne für deutsche DRI-EAF-Anlagen. Er legt hierzulande also seine milliardenschweren grünen Pläne auf Eis und schlägt 1.300 Millionen Euro Fördergeld aus. Was bedeutet das? Dass 2025 kein „Übergangsjahr“ war, wie viele es nannten. Es war ein Jahr, in dem der Mut fehlte.
Und gleichzeitig gab es Orte, an denen Mut sichtbar war. Bei Salzgitter spürte ich trotz Verzögerungen echte Entschlossenheit. Die erste Salcos-Stufe soll planmäßig im ersten Halbjahr 2027 umgesetzt werden. Auch zur Finanzierung dieser Maßnahme hat der Konzern Schuldverschreibungen in Höhe von 500 Millionen Euro erfolgreich platziert. Thyssenkrupp Steel setzte auf pragmatischen Fortschritt: 20 Prozent C02-Reduktion durch Ersatzgas. Kein spektakulärer Sprung – aber einer, der zählt, weil er umgesetzt wurde. Gleichzeitig zeigt ArcelorMittal, wie eng Mut und Rahmenbedingungen zusammenhängen: Während der Konzern an einigen EAF-Standorten in Europa bereits Stahl aus 100 % Schrott produziert, wurden die geplanten DRI-EAF-Projekte in Bremen und Eisenhüttenstadt 2025 wegen hoher Energiepreise gestoppt.Die Voestalpine modernisierte ihre EAF-Linie mit beeindruckender Ruhe und Konsequenz. Und EMAG zeigte, dass Transformation nicht nur Technik ist, sondern Kultur: neue Führung, flexible Produktion, Überwindung interner Widerstände.
Eine wichtige Perspektive
Aus meiner Sicht fehlte im Diskurs allerdings ein Aspekt: die Kundenperspektive. Viele Strategiepapiere scheinen auf einen entscheidenden Blick zu verzichten, und zwar die Frage, wie sich diese Verzögerungen eigentlich auf die stahlverarbeitende Industrie auswirken. Unsicherheit entlang der Lieferketten, volatile Preise, Planungsrisiken – das alles betrifft am Ende die Unternehmen, die jeden Tag Stahl einkaufen, verarbeiten, weiterveredeln. Genau diese Perspektive findet sich häufig zu selten im Fokus.
Ein weiterer Punkt, der zunehmend diskutiert wird: Die Vermutung, dass künftig indische Brammen importiert und in Deutschland downstream veredelt werden könnten. Das ist ein Szenario, das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch brisant ist. Ein Blick in Analysen wie jene von Stegra zeigt klar: Globale Verschiebungen und verschobene Subventionen verändern den Wettbewerb schneller, als manche Unternehmen reagieren können.
Mein Fazit: Mut bleibt 2025 der knappste Rohstoff
Wir scheitern nicht an Know-how. Wir scheitern nicht an Technologien. Wir scheitern, wenn der Mut fehlt, beides einzusetzen. Mut ist Führung. Mut ist Fortschritt. Mut ist der zentrale Rohstoff der Branche. 2026 wird die belohnen, die 2025 nicht gewartet haben.
Welches Projekt war für Sie das mutigste im Jahr 2025 – und warum? Ich freue mich auf Ihre Perspektiven.